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Wirken. Wirkt. Wirkung.

Ich bin Lehrerin für Sonderpädagogik (und ja, darin steckt schon viel, das angemerkt und hinterfragt werden kann) und bin mit einer halben Stelle an einer Schule tätig.
Seit Februar 2021 mache ich eine Ausbildung zur Coachin. Die Ausbildung macht mich glücklicher. Und ich erkenne und zweifele.
Vor kurzem gab es eine Kompaktphase zum Thema „WIRKEN“. Und es wirkt – auf vielen Ebenen.
Und so habe ich einen Brief an den Lehrer*innenrat meiner Schule geschrieben.
Das ist er:

„Ihr Lieben,
ich habe im Februar dieses Jahres eine Ausbildung zur Coachin begonnen und wende die Methoden, die ich kennen lerne, auf mein eigenes Leben an.
Im Augenblick geht es viel um den Bereich „Arbeit“.
Und natürlich betrachte ich auch den Bereich meiner Erwerbstätigkeit und so auch meine Arbeit in der Schule.
Und ich habe eine Analyse vorgenommen.
Ich habe vor einiger Zeit meine wichtigsten Werte erarbeitet. Und ich habe erkannt, dass viele meiner Zweifel und Sorgen bezüglich Schule in einer Werteinkongruenz begründet sind. Ich lebe in der Schule nicht mein Optimum.
Die Schulschließung zu Beginn des Jahres war natürlich auch anstrengend und der Anlass war und ist beunruhigend. Und ich habe es auch genossen. Ich konnte bei den Spaziergängen, die wir den Schüler*innen angeboten haben, EINE Schüler*in erleben. Ich konnte mich voll auf sie konzentrieren und das Angebot, das ich ihr machte, wirklich und ungestört durchführen. Ich hatte den Raum, entspannt mit den Eltern zu plaudern. Auch über ganz alltägliche Anlässe. Ich konnte so meinen Wert der Achtsamkeit umsetzen und füllen. Und ich fühlte mich und mein Handeln wirksamer als in einer Gruppe von 12 bis 13 Schüler*innen und Integrationsbegleitungen, die alle auf ihre Weise Bedürfnisse äußern, die meist sofort berücksichtigt werden müssen. Denn sonst kommt es u.U. dazu, dass der Wert der Gesundheit mit Füßen getreten wird – im wörtlichen und übertragenen Sinne. Zur Gesundheit gehört auch emotionale Gesundheit. Die der Schüler*innen und meine.
Immer überall gleichzeitig sein zu müssen – auch wenn ich nur glaube, dass ich es sein müsste – stresst und frustriert mich. Ich kann Absprachen, die ich mit den Schüler*innen treffe, nicht einhalten. Ich verabrede mich mit ihnen, um etwas mit ihnen zu basteln, rechnen, lesen…und muss mich dann um Störung kümmern oder auffangen, dass meine Teamkolleg*innen vertreten müssen oder bin selbst in Vertretung. Das beeinträchtigt auch den Erfolg meiner Arbeit – es beschneidet die Wirksamkeit meiner Planung und der Bedingungen, die ich erarbeitet habe.
Das wirkt sich auch auf meine Selbstwirksamkeit aus. Mir ist Disziplin im Sinne von „dran bleiben“ und etwas kontinuierlich fortführen können sehr wichtig. Und auch das ist kaum möglich, weil ich keinen verlässlichen Ablauf kreieren kann.
Ich fühle Stress und Frust und Ärger. Und das nimmt zu.
Und dabei erwähne ich noch nicht mal meine ästhetischen Ansprüche an Räume und Gebäude, in denen sich Menschen gerne aufhalten und gestalten. Daran, dass auch in diesem maroden Gemäuer gefährliche Konstruktionen zu finden sind (nicht gesicherte Geländer z.B.) oder defekte Toiletten oder ein asphaltierter Schulhof…Ästhetik bedeutet auch Wahrnehmung. Unsere Schule gleicht eher einem Anästhetikum.
Ich möchte das nicht allein „beackern“. Auch, weil ich vermute, dass dies nicht nur mich betrifft.
Die systemischen Grenzen sind mir klar. Und ich will es trotzdem zum Thema machen. Mit SL, mit Kolleg*innen und nun erstmal mit Euch…denn nur, wenn ich es wirklich versuche, kann ich erfahren ob es Lösungen im System geben könnte, etwas, das ich ausprobieren könnte.
Kündigen kann ich dann immer noch.
Es geht mir ausdrücklich nicht darum, dass Ihr eine Lösung finden müsst.
Habt Ihr Lust, mit mir darüber zu sprechen?
Fidele Grüße
Anja“

Und nun?
Mir ist bewusst, dass ich in dem Brief ziemlich abgekotzt habe. Für mich ist das ein wichtiger Schritt, weil ich sonst immer ausgeglichen habe. Ich habe immer versucht, die Lücke zu finden, den Zwischenraum, den ich konstruktiv nutzen konnte. Und ich komme immer wieder an den Punkt, dass es mir zu eng wird.
Bei der Erforschung meiner Passions habe ich mich wieder daran erinnert, dass mich Tanzkunst/ Performance, Sexualität und Bildung begeistern. Ich kreiere und gestalte sehr gerne. Und ich tausche mich gerne darüber aus und bekomme gerne Impulse wie ein sicherer Raum für intimes Erleben erschaffen werden kann.
Ich habe meine Wirkstätte noch nicht gefunden. Ich bin noch dabei, meine Vorstellung zu konkretisieren.
Wenn alles möglich wäre…Ich hab noch ein bisschen Angst davor. Na gut, ein bisschen mehr sogar…

Danke fürs Lesen!

2 Kommentare

  1. Hermann-Josef Beer Hermann-Josef Beer

    Och, du bist so süß! Pass auf, du willst alte große Strukturen aufbrechen. Du musst dir schon im klaren darüber sein, das du alleine da vlt abbrichst.
    Nix desto trotz ist dein Mut bewundernswert. Doch auch im Sinne von Achtsamkeit dir selbst gegenüber, solltest du Alternativen im Auge behalten und dein für dein eigenes Schaffen wichtiges Wohl im Auge behalten.
    Evtl bietet auch die neue Regierung Möglichkeiten das veraltete Schulsystem stärker zu fördern.
    Es ist in einer Demokratie nicht Sinn und Zweck, das einzelne das Gro der Arbeit haben, auch wenn es leider oft so ist.
    Weiterhin viel Erfolg!

    • Anja Abels Anja Abels

      Guten Tag!
      Ich unterstelle Dir, dass Du Sorgen äußerst. Um mein Wohlbefinden? Da kann ich Dich beruhigen. Ich weiß was ich tue.
      So habe ich aus meiner Sicht bereits Strukturen aufgebrochen. Änderungen eines Systems gehen mit der Veränderung der Menschen einher, die das System gestalten. Und ich habe meine Verhaltensweise verändert – was gleichzeitig Achtsamkeit für mich selbst bedeutet.
      Folglich ist Dein Wunsch, dass ich Erfolg haben möge, bereits in Erfüllung gegangen.
      Vielen Dank!

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