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Über die Nacktheit in der Kunst und die Leiblichkeit des Seins – ein irritiertes Gedankensammelsurium

Den folgenden Beitrag verfasste ich am 3. August 2015. Und da er nach wie vor Gültigkeit für mich hat, ist er nun hier.

Vor drei Wochen war ich mit FreundInnen bei der Eröffnung des impulstanz – Festivals. Sie fand im Museumsquartier in Wien statt. Ich bin gerne im MQ. Es ist immer irgendwie entspannt und quirlig zugleich dort. Meist verweile ich dort nach meinem obligatorischen Besuch des mumok noch ein bisschen.
So war es übrigens auch am Mittag desselbigen Tages. Der Mann und ich haben die Ausstellung „Wiener Aktionismus“ besucht. Ich dachte, dass ich gar nicht genau wüsste worum es sich dabei handelt. Weiß ich aber doch.
Nicht, dass ich diese Bewegung verstehen würde…ich meine tatsächlich verstehen würde…aber viele der Aktionen und ihre Einflüsse auf Ereignisse heutiger Performancekunst sind mir nicht unbekannt. Und auch die damit verbundenen Namen kenne ich fast alle. Damalige AktionistInnen wie auch viele von heute.

„Mein Körper ist das Ereignis“

Diese Aussage bewegt mich sehr. Sie treibt ihre Wurzeln in die Leiblichkeit. Und die damit verbundene Idee und Erfahrung phänomenologischer Zusammenhänge begleitet und beeinflusst mich schon IMMER.
Als Kind und Jugendliche eher diffus. Und dann konkreter im Studium der Sonderpädagogik. Vor 20 Jahren als ich in Köln studierte, war das Studium der PH sehr philosophisch ausgerichtet. Viele meiner kindlichen Gedanken waren tatsächlich nicht neu, sondern Menschen wie Husserl oder Merleau-Ponty haben Wortgestalten dafür entwickelt und bestimmt.
Es gibt eine Sprache dafür. Die natürlich das Phänomen an sich nicht gänzlich fassen kann – aber ich kann mich mit anderen ansatzweise darüber austauschen.
Ich habe das dann leider im praktischen Alltag meines Lehrerinnendaseins aus den Augen verloren und es musste sich eine anstrengende und verwirrende Flut von Begebenheiten ereignen, damit ich mich schließlich daran erinnerte.

Nicht zuletzt die Entscheidung, mich weniger dem Schulsystem, sondern mehr der Tanzkunst zu widmen, hat mich zurück geführt.

Nach vorn zurück. Zurück nach vorn. Oder: ist eh alles EINS.

Nun denn. Ich studiere Tanz. Tanzkunst. Elemente der Tanzkunst. Ich flamenco.
(Hihi, die Idee „flamenco“ als Verb zu nutzen, widme ich der Phänomenologie. Das ist ein guter Zeitpunkt, um dieses Buch zu empfehlen: wundervolles Buch
So, und mit diesem Überunterbau betrachte ich „Wiener AktionistInnen“ und die von ihnen inspirierten KünstlerInnen.
Ich stelle fest: Aktionen, in denen Menschen sich selbst oder andere Wesen verletzen, irritieren mich. Aktionen mit humorvollkritischem Kern interessieren mich.
Aber das kann ich erst seit einigen Tagen so klar formulieren. Vor drei Wochen gab es da „nur“ eine Menge Gefühl und wenig Worte.

Mit diesem „viel Gefühl“ kam ich am Abend also wieder ins MQ. Ich wusste nur, dass Doris Uhlich maßgeblich an der Eröffnungsveranstaltung beteiligt war. Das reichte mir. Ich war neugierig. Denn ich kannte sie bis dato nur aus Erzählungen, Videos, Fotos und Texten.
Und so betrat Frau Uhlich die Bühne und begann ihre DJane-Gestaltung. Begleitet von ihrer Musik betreten nach und nach 20 TänzerInnen die Bühne. Die vorherrschenden Bewegungselemente erinnern mich an Raves (sagt man das heute eigentlich noch so?).
Ich beobachte viel und finde choreografische Elemente, die mich interessieren: Wie werden Einsätze gegeben, Wechsel eingeleitet, ohne dass die Takte gezählt werden? Was geschieht mit einer einfachen Bewegung, die von vielen TänzerInnen aufgenommen wird? Wie werden zwischenräume zu Gestaltungsräumen?…
Und plötzlich sind alle TänzerInnen nackt.
Ganz wirklich plötzlich. Huch!
Hm. Na gut, machen sie eben so weiter…

Und auf die Plätze, fertig, los! Stecke ich fest.

Warum sind sie jetzt nackt? Warum ist Frau Uhlich es nicht? Warum sind sie alle so perfekt, so durchtrainiert? Warum ziehen sie sich nicht wieder an? Muss das sein? Braucht das Stück die Präsentation der Nacktheit? Warum flippen die ZuschauerInnen so aus? Warum nervt mich das so? Und warum langweilt es mich bald?
Und endlich zieht auch Frau Uhlich sich aus. Und bei ihr ergeben die Bewegungen, die ich zuvor bei den 20 schon sah, plötzlich Sinn.
Und ja, es kommen dann doch noch Momente, in denen auch die Nacktheit der 20 irgendwie Sinn ergibt. Für mich. In diesem Augenblick.

Na ja. Ich blieb trotzdem zumeist ratlos. Vor drei Wochen. BRAUCHT DAS STÜCK die Nacktheit? BRAUCHT DIE KUNST die Nacktheit?
Und heute bin ich nicht unbedingt weniger ratlos. Aber deutlich weniger wertend.

Nur ein paar Bilder sind mir noch in Erinnerung, von der Eröffnung:
Das plötzliche Nacktsein.
Die Puderszene.
Doris Uhlich halbnackt hinterm DJane-Pult und schwabbelnackt auf der Bühne.

Nacktheit. Nacktsein. Bekleidetsein und bleiben – werden gebraucht und machen Sinn. Für jede Einzelne und jeden Einzelnen in ihrer und seiner Zeit.
Vielleicht erscheint es deshalb so, dass heutige KünstlerInnen „wiederholen“ – Aktionen der 60er tauchen wenig verändert wieder auf.

Eben weil sie für sie in ihrer Zeit, hier und jetzt, Sinn ergeben.

Und manche der Aktionen ergeben auch nur Sinn, wenn es mindestens eine BetrachterIn gibt.
Mein Unverständnis ist letztlich auch ein Ausdruck von beteiligt sein.
Und eigentlich mag ich diese Momente, in denen ich irritiert bin. Ich stelle dann Fragen. Fragen an mich selbst.

Und es bewegt mich sehr, wenn eine Tänzerin, die nicht dem immer noch unangefochtenen Ideal des Tänzerinnenkörpers entspricht, ihren entblößten Leib zeigt.

Derweil ich mir weiter Fragen über meinen eigenen Nacktseindrang stelle, zieh ich mir erst mal eine Spitzenhose an, mit der ich „nicht so vorteilhaft aussehe auf der Bühne“ – wie es ein Freund vorsichtig formulierte.
Aber wisst Ihr, ich muss es genauso tun. Es ist mir wichtig. Mein Stück und ich brauchen es so.

Übrigens Julia Petschinka hat in ihrem blog über eben diese Eröffnung geschrieben. Wir waren zusammen dort. Das Bild, das über der Überschrift ihres Artikels erscheint, ist mein Lieblingsbild von diesem Abend.
Und hier ist die Musik dazu: Daft Punk

Foto: Daniel Karsch

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