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TANZpunktMG – eine Woche danach

Vor einer Woche war es, dass „TANZpunktMG – in Bewegung“ für alle sichtbar wurde. Dass sichtbar wurde womit ich mich zwei Jahre lang beschäftigte. Die Idee, die gewohnte Situation eines Theaters – hier die ZuschauerInnen und dort die KünstlerInnen – zu verändern und den Ort des Gestaltens zu verlassen, hatte ich eh schon seit längerer Zeit. Ich glaube sie kam auf als ich bemerkte, dass ich selbst als Künstlerin gerne sehr nah am Publikum bin. Am liebsten mittendrin.

Und so sind wir alle im Fitnessstudio gelandet.

Ich kann die Vorbereitung der Räume nicht von dem trennen, was geschah, als die Zuschauenden hinzu kamen. Vielleicht, weil das alles Teil des Prozesses der Gestaltung war.

Wir haben Möbel und Trainingsgeräte verschoben, Böden so verändert, dass Tanzschuhe keine Schäden hinterlassen. Wir haben Musikanlagen aufgebaut und 55 Vasen mit Wasser gefüllt. Wir haben Tücher aufgehängt, Räume verdunkelt, auf Fitnessgeräten Platz genommen und Ideen auch wieder verworfen.

Die KünstlerInnen trafen ein und probten vor Ort. Viele sahen das Fitnessstudio und ihren Schaffensraum zum ersten Mal am Nachmittag des 25. Mai 2019.

Und auch das hat mich sehr fasziniert. Natürlich haben die KünstlerInnen vorher gewusst, dass es sich um eine andere Situation handeln würde. Und doch ist es für mich immer noch nicht selbstverständlich mit welch einer Selbstverständlichkeit sie das Fitnessstudio betraten, sich umschauten, Wege ausprobierten und mit den KünstlerInnen, mit denen sie sich den Raum teilten, ins Gespräch kamen.

Und plötzlich war es halb sieben. Die Türen gingen auf, die ZuschauerInnen kamen an.

Und dann begrüßte ich sie. Und es war wie eine Öffnung. Nicht nur ein Betreten eines Raumes (oder wie hier vieler Räume).

Für mich war es sofort so, dass alle Menschen, die sich in diesem Gebäude befanden, zu Gestaltenden des Abends wurden. Das lag nicht nur daran, dass ich wusste, dass es offensichtliche Möglichkeiten für die Zuschauenden gab, mitzumachen. Allein die Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen, sich auf dieses Experiment einzulassen, den Schutz der Dunkelheit, die in einem ZuschauerInnenraum gewöhnlich herrscht, zu verlassen und selbst sichtbar zu werden…das hat mich berührt und bis ins tiefste Innere bewegt. Dieses Empfinden hat mich den ganzen Abend begleitet.

Ich möchte hier an dieser Stelle auch davon erzählen was mir während des Abends und danach passierte. Von den Momenten, in denen mir selbst bewusst wurde was diese Bewegung für mich bedeutete und bedeutet. Tatsächlich befinde ich mich noch mitten im Prozess des Verstehens…

Ich habe aufgehört zu trennen. Die Gestaltenden des Abends waren Menschen, die sich zu dieser Zeit in diesem Raum getroffen haben. Ab dem Moment trennte ich tatsächlich nicht mehr zwischen den Menschen, die tanzten, erzählten, moderierten, jonglierten und denen, die zuschauten. Und mir war klar, dass alle an diesem Abend Risiken eingingen und eingehen würden. Sie haben es riskiert, sich zu zeigen. Denn wir sind uns räumlich nah gekommen und konnten uns dabei eindeutig in die Augen schauen – wir hätten gegenseitig unsere Körper berühren können.

Diejenigen, die mich ein bisschen näher kennen, werden nun nicht überrascht sein, wenn ich von leibhaftigen Erlebnissen spreche. Leibhaftige Erlebnisse sind für mich die Momente, in denen ich nicht mehr von Innen und Außen sprechen kann, weil es da keine Trennung mehr gibt. Mein Geist und mein Körper existieren nicht mehr für sich allein.

Diese Auflösung der Grenzen bahnte sich den ganzen Tag über an und verdichtete sich im Lauf des Abends.

Obwohl es technische Pannen gab, obwohl eine optimale Aussteuerung der Musik in den einzelnen Räumen schwierig war, obwohl mein Stück so schwer auf mir lastete. Und vielleicht gerade deswegen?

Vielleicht waren all die Widerstände, die sich ergaben, ein Teil des Ganzen?

Ich mag Widerstände. Immer öfter gelingt es mir, sie als Zeichen von Lebendigkeit zu erleben. Besonders leicht fällt mir das, wenn ich mich wohl fühle. Und mit den Menschen, die dort waren, fühlte ich mich wohl.

Die meiste Zeit des Abends habe ich mit meinem Stück verbracht. Deswegen erzähle ich jetzt erstmal davon.

Es ist ein Stück, das mehr von mir verlangte, als ich zuvor ahnte. Ja, ich wusste, dass die Entscheidungen, die ich getroffen habe, keine sind, die andere schön finden werden.

Aber das Thema war und ist es auch nicht. Es geht um die SCHAM. Und kurz gesagt auch um den Weg, diese Scham anzunehmen und wieder abzugeben. Es geht darum, mich selbst zu ermächtigen. Auch gegen Widerstände.

Das Stück wiegt noch sehr schwer – vielleicht ein Zeichen dafür, dass ich noch ein bisschen mit Scham beschäftigt sein werde.

Dieses Gefühl ereilte mich nachdem „TANZpunktMG – in Bewegung“ vorüber war tatsächlich noch.

In der Verkleidung der Stimmchen, die ihre eigenen Widerstände äußerten. Die erzählten was an dem Abend schwierig für sie war. Es waren sehr unterschiedliche Dinge: Musik, die zu hören war, während woanders „moderiert“ wurde, die Aufforderung, die Gebärden der Nelken-Linie mitzumachen, was als unangenehm empfunden wurde, die Handlungsanweisung einer Improvisation, die eingeengt habe…

Und ich war betroffen. Weil ich mir wünschte, dass es allen gut gehen solle, dass alle, alle, alle Spaß haben sollten.

Jetzt – eine Woche später – sehe ich wieder was ich mir eigentlich wünschte mit dieser Gestalt.ung von TANZpunktMG: Ich habe mir Begegnung gewünscht. Ich habe mir Erlebnisse gewünscht. Ich habe mir Kommunikation gewünscht. Für mich und für die Menschen, die den Raum und die Zeit von TANZpunktMG geteilt haben. Und das ist geschehen.

Jede Regung – ob als positiv oder negativ empfunden – ist eine Bewegung der Gefühle.

Manche Dinge waren zugänglicher als andere. Und in jedem Moment gab es die Möglichkeit des Kontakts zu sich selbst, der Erfahrung was mir gefällt, was mir nicht gefällt, was mir leicht fällt, was mich herausfordert, was mich langweilt, was mir zu viel ist, was ich schön finde, was mich stört…

Und war es nicht unglaublich wie viele Menschen sich der Nelken-Linie angeschlossen haben? Und wie viele der Menschen die Improvisation am Ende des „Programms“ mitgestaltet haben?
Unendlich schön!

DANKE!

„TANZpunktMG – in Bewegung“ wird gefördert durch das Kulturbüro der Stadt Mönchengladbach und unterstützt vom „Saphir – Das Sportstudio“.

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