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Mariechen tanz!

Das Stück zeigte ich zum ersten Mal bei „Tanz.MG – zum zweiten Mal!“ im Mai 2015, bei „WIR…IM RAUM FLAMENCO“ im Dezember 2015 und im letzten Jahr bei der Vernissage der Herbst-Kunstaustellung in St. Jöris. Und nach wie vor bin ich mit Mariechen, Marie und Maria beschäftigt.

Im Februar 2015 schrieb ich:
Ich arbeite seit etwa einem Jahr an einem Stück, das ich „Mariechen tanz!“ nenne.
Die Frage, die mich durch den Prozess der Gestaltung leitet, lautet: „Was geschieht, wenn Mariechen zu Marie oder gar Maria wird?“.
Die Idee dazu habe ich schon seit graumer Zeit. Woher sie kommt?
Ich lebe im Rheinland, genauer gesagt am linken Niederrhein. Und auch hier wird Karneval gefeiert.
Ich fühle mich mit dem Karneval verbunden – auch mit dem s.g. organisierten Karneval.
Ja, tatsächlich.
Es gibt Dinge daran, die ich sehr mag. Und es gibt Aspekte, die ich äusserst fragwürdig finde. Es würde hier an dieser Stelle zu weit führen, das alles im Detail zu beschreiben. Das werde ich sicherlich irgendwann einmal tun. Aber eben nicht jetzt.
Jetzt möchte ich über eine Sache sprechen, die untrennbar mit dem Karneval verbunden ist. Ohne Karneval gäbe es sie nicht: die Mariechen.
Funkemariechen, Tanzmariechen, Regimentstöchter…jede Garde oder Gesellschaft hat mindestens eines dieser Mariechen in ihren Reihen.
Sie steht auf der Bühne für jede_n sichtbar. Nett und adrett ist sie Aushängeschild und Blickfang. Manche von ihnen werden auf Händen getragen. Andere wirbeln im Takt der Musik durch den Raum.
Aber eins haben sie gemeinsam: Sie dürfen nicht älter werden.
Mariechen sind jung. Und sie müssen ansehnlich sein. Und das Altern ist anscheinend ein Prozess, der einher geht mit Unansehnlichkeit.
Und deshalb frage ich mich was mit Mariechen passiert? Wo ist Marie? Wo hat sie ihren Platz im organisierten Karneval? Welchen Raum nimmt sie ein?

Es gibt die „Möhne“. Soweit ich weiß leitet sich dieses Wort von „Mutter“ ab. Auf jeden Fall handelt es sich um eine ältere, weibliche Person. Also ist das Marie? Oder doch Maria?
Wenn ich irgendwo Möhne sehe, dann gleichen sie oft meiner Vorstellung von Märchenhexen. Und ich schätze, dass ich mit dieser Vorstellung nicht allein da stehe.

Inzwischen gibt es in manchen Garden oder Gesellschaften auch eine Gruppe von Frauen, die dem Mariechenkostüm entwachsen zu sein scheinen und Uniformversionen tragen, die Mariechens Miniröckchen gegen eine wadenlange Version eingetauscht haben.
Ehrlich gesagt – diese Version finde ich zumeist sehr unansehnlich. Da werde Frauenkörper in taillierte Männerjacken gesteckt, ohne auf die Individualität eines weiblichen Körpers zu achten.
Diese Frauen wirken auf mich eher wie geduldet. Und sobald sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, ziehen sie die Blicke auf sich und werden zum Objekt von Schmähungen.

In Köln gibt es inzwischen reine Damengesellschaften (z.B. diese hier).
Sie bieten jedenfalls eine Handlungsalternative (eine solche ist übrigens für MG bereits in Planung).

Und was ist eigentlich mit den Ehegattinnen der Gardisten?
Einige von ihnen haben sich zusammen gefunden, um sich als eigene Gruppe der Garde ihrer Gatten anzuschließen. Immer dabei? Immer ein bisschen außen vor?

Nun denn, als Frau einen Platz in einer Traditionsgarde zu finden, ist nicht einfach. Und leicht schon gar nicht.
Ich befinde mich grad selbst auf der Suche.
Sofern die Gardisten älter sind als ich (und das sind sie zum größten Teil) gehen sie meist einfach so mit mir um wie sie es vor mehr als zwanzig Jahren bereits getan haben.
Die Gründe, aus denen ich die Garde damals verlassen habe, scheinen vergessen.
Für mich sind sie nach wie vor präsent.
Es geht dabei um Regeln, die ich nicht akzeptieren kann, weil sie willkürlich erscheinen, weil sie nichts mit Karneval zu tun haben.
Etwas wird von jemandem bestimmt – und nicht miteinander gesprochen. Es wird geredet und nichts gesagt.
Es ist im offiziellen Rahmen oft eine Sprachgebrauch vorherrschend, der mit militaristischen Ausdrücken gespickt ist. Auf mich macht dies einen gewaltvollen Eindruck. Ich weiß – das ist mein subjektives Empfinden.
Ich bin Mitglied (eh schon ein seltsamer Ausdruck, dere einen bestimmten Eindruck hinterlässt) einer Garde, die sich 1934 gegründet hat.
In meiner kleinen Welt hat es eine Bedeutung, dass sich zu dieser Zeit Menschen dazu entschlossen haben, eine rote Jacke anzuziehen und eine Tradition zu pflegen, die Jahrhunderte alt ist und ihren Sinn in der Aufhebung der Ordnung und der Hierarchien hat.
Und nun stehe ich da. Als Frau. Als Künstlerin. Als Pädagogin. Als Feministin. Als Menschenfreundin. Als Marie. Als Maria. Und Mariechen ist ja auch noch ein Teil von mir.

Mariechen tanz! – das ist auch eine Betrachtung des ErwachsenSeins.
Welche Haltung nehme ich als erwachsener Mensch gegenüber Regeln ein, die autoritär vertreten werden?
Denen ich mich blind fügen soll und Widerspruch nicht geduldet wird?
ErwachsenSein bedeutet für mich, dass ich auf der Basis von Toleranz, Respekt und Mitgefühl meine eigenen Regeln gestalte. Und diese humor- und liebevoll verteidige. ErwachsenSein bedeutet für mich, auch das Scheitern zuzulassen.

Und all das stecke ich nun also in eine Flamencogestalt(ung).
Ich bin gespannt wo mich dieses Stück hinführt…

Und hier eine bewegte Aufnahme:
„Mariechen tanz!“ – in Bewegung

Fotos und Video: Daniel Karsch

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