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„im Raum Flamenco“ – Wien 2013

Im August 2013 fand in Wien zum ersten Mal das Festival „im Raum Flamenco“ statt. Und es war für mich der Anlass, zum ersten Mal einen Artikel bei der deutschsprachigen Flamencozeitschrift anda einzureichen.
Da ich darin einige Gedanken formuliert habe, die mich grundsätzlich im Zusammenhang mit Flamenco und Tanz beschäftigen, veröffentliche ich ihn nun auch hier:

Das Festival „im Raum Flamenco“ , zum ersten Mal –
eine Annäherung

Ich habe eine Weile überlegen müssen wie ich diese Darstellung des Festivals „im Raum Flamenco“, das in diesem Jahr zum ersten Mal stattfand, beginnen solle. Ich habe beschlossen, meine Eindrücke zu schildern und mich so dem Festival „im Raum Flamenco“ anzunähern.
Warum fällt es mir so schwer, dieses Festival darzustellen?
Wäre es nicht ausreichend die Veranstalterin vorzustellen? Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler zu nennen? Ihre Konzerte zu beschreiben? Eckdaten des Festivals wie z.B. Anzahl der Workshops aufzuzählen, u.ä.?
Eine solche Beschreibung würde „im Raum Flamenco“ nicht annähernd darstellen können.
Denn es würde bedeuten, dass es eindeutig und klar umrissen sei. Was dabei zu kurz kommen würde ist der performative Charakter des Festivals.
Julia Petschinka hatte den Wunsch, in Wien ein Festival für zeitgenössischen Flamenco zu gestalten. Sie hat diesen Wunsch in die Tat umgesetzt.
Sie selbst begibt sich mit ihrer Kunst und ihrem Tanz immer wieder auf eine sehr persönliche Suche nach dem Wesentlichen des Flamenco. Und dies spiegelt sich auch in der Zusammenarbeit mit den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern wider. Sie haben sich in Wien im Rahmen des Festivals auf die Suche nach der Bedeutung des Gesanges im Flamenco und der Beziehung zwischen diesem und dem Tanz gemacht –diesseits und jenseits der Tradition bzw. der traditionellen Sichtweise.
Das Festival begann auf noch eher „unsichtbare“ Weise. Der Tänzer Juan Carlos Lérida, der Sänger Francisco Contreras – „el Nino de Elche“ – und der Schauspieler und Dramaturg David Montero waren als “artists in residence” bereits ab dem 29. Juli zu Gast in Wien.
Am 2. August teilten sie mit „3° acerciamento al cante“ das bisher entstandene künstlerische Material performativ mit dem Publikum. Diese dritte Annäherung ist eine Etappe auf dem Weg zu dem Stück „Al Cante“, dem bereits weitere Etappen voraus gingen, in denen sich Juan Carlos Lérida zunächst allein mit seinen Fragen über den Gesang, den singenden Menschen und dessen Körper beschäftigte. Erst danach begannen die drei Künstler gemeinsam Fragen an den Flamencogesang zu richten.
Während der Präsentation konnte ich erleben, dass die Künstler ein Risiko eingingen, dass sie Vertrauen hatten und dem Publikum etwas von ihrer eigenen Unsicherheit und Suche zeigten. Wenn das passiert, fühle ich mich beteiligt. In einem solchen Raum kann ich meinen eigenen Fragen (wieder)begegnen – und „im Raum Flamenco“ hat mir die Möglichkeit dazu geboten.
Als Zuschauerin fragte ich mich wie die Künstler ihren Bildern und Ideen auf die Spur kamen. Warum haben sie das Licht so gewählt? Warum arbeiten genau diese Menschen zusammen? usw..
Als Tanzschülerin stelle ich mir auch eher mal Fragen bezüglich der Tanztechnik. Dann betrachte ich den Tänzer und analysiere sein Bewegungsrepertoire.
Und dann stelle ich grundsätzliche Fragen. Über die Bedeutung des Publikums. Über den Kunstbegriff. Über zeitgenössische Kunst. Über zeitgenössischen Flamenco. Und dann wieder über meine Freiheit als Zuschauerin und Tänzerin. Darüber, dass ich mich nicht entscheiden muss zwischen Tradition und Moderne. Und ich frage mich ob das überhaupt so sein muss, dieses „entweder-oder“ und warum es immer wieder entsteht.
Ich stelle mir vor, dass dies auch eine der Fragen sein könnte, die sich Belén Maya und Tomás de Perrate stellten, als sie sich auf ihre Art und Weise auf eine Reise in ihre Vergangenheit machten, die sie unweigerlich in die Gegenwart zu führen schien. Am 3. und 4. August zeigten sie ihre Stücke zwischen Tradition und Suche. Sie spielten mit den Begriffen von „damals“ und „jetzt“ auf vielfältige Weise: Sie arbeiteten mit Videoeinspielungen und zeigten Bildmaterial aus der Vergangenheit, welches z. B. Mario Maya tanzend als jungen Mann zeigte oder auch Tomás de Perrate, der als Junge dem Gesang seines Vaters lauschte. Und es gab Einspielungen, die sie selbst zuvor produzierten und die teilweise einen Vorgriff auf das darstellten, was sich „gleichzeitig“ in der Performance ereignete: Belén Maya, die auf der Leinwand darüber spricht, dass sie sich hinter dem auf der Bühne befindlichen Paravent umzieht und etwa zwei Minuten dafür brauchen würde.
Das sind Gedankenspiele, die mich fordern und beteiligen.
Ist das einer der Aspekte, die den Unterschied zwischen Showtanz und Tanzkunst ausmachen?
Der Uraufführung von „Tradition und Suche“ ging am 3. August ein Vortrag David Monteros voraus.
Man merkte ihm an, dass er nicht nur Schauspieler ist, sondern auch als Regisseur vieler Flamencokünstlerinnen und -künstler tätig ist. Er weiß viel über Inszenierung und Bühnenkomposition. Und es war ihm anzumerken, dass er sich intensiv mit der Geschichte des Flamenco und dessen Bedeutung und Gestalt-ung in der Gegenwart beschäftigt.
Und zwischendrin bot sich immer wieder der Raum, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen, die eigenen Fragen zu formulieren und die Fragen des Gegenübers zu hören.
Dies ist ohnehin das, was dieses Festival in einer ganz besonderen Dichte vermochte.
Belén Maya, Juan Carlos Lérida und Francisco Contreras schufen in den Workshops, die sie im Rahmen des Festivals anboten, eine Atmosphäre, in der die Teilnehmenden Fragen stellen konnten und in dem sie Antworten bekamen. Und nicht selten ergaben sich aus den Antworten weitere Fragen.
Dies habe ich in dem Kurs „Komposition und Improvisation im Flamenco“ von Juan Carlos Lérida, an dem sieben Tänzerinnen teilnahmen, sehr intensiv so empfunden. Ausgehend von einem selbst gewählten Thema und unseren Fragen ließen wir uns auf eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Flamenco, trauten uns etwas zu und vertrauten uns „im Raum Flamenco“ an, so dass wir am 4. August in einer Werkschau einen Einblick in die Zwischenergebnisse unserer Arbeit gewähren konnten.
Im Anschluss an die Werkschau gab es noch eine Überraschung: Rosanna Terracciano zeigte ihren famosen Film „empezar, in pieces“, der bereits auf einigen Film- und Flamencofestivals zu sehen war.
Julia Petschinka hat sich gewünscht, dass mit diesem Festival ein Raum entsteht, in dem Begegnung und Ausprobieren möglich sind: „…in diesem Raum soll Flamenco gelernt werden können, in diesen Raum wird Flamenco hinein- und herausgetanzt/gespielt/gesungen. (…)Mit dem „Raum Flamenco“ möchte ich etwas entstehen lassen, das nicht an ein Festival gebunden ist. Wenn, dann umgekehrt… ich möchte, dass Unterschiedlichstes im Raum Flamenco passieren kann.“
Ich finde es ist ihr gelungen.

im Raum Flamenco
empezar, in pieces

Ich freue mich schon sehr auf das zweite Mal „im Raum Flamenco“!!!

Fotos: Daniel Karsch

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